Warum „Buy Now, Pay Later“ mehr als nur ein Zahlungsmittel ist

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten greifen viele Menschen zu scheinbar einfachen Lösungen. Eine davon: Kaufen, ohne sofort zu zahlen. Buy Now, Pay Later (BNPL) ist das Geschäftsmodell, mit dem Anbieter wie Klarna, Afterpay oder Affirm seit Jahren boomen.

Gerade in Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit scheinen diese Angebote zu florieren. Sie versprechen Konsum ohne Verzicht, Bequemlichkeit ohne Belastung und finanzielle Flexibilität ohne Zins. Doch hinter der Fassade der Einfachheit verbirgt sich ein komplexes Geflecht aus psychologischen Effekten, wirtschaftlichen Risiken und gesellschaftlichen Implikationen.

Die Psychologie der Aufschiebung

Was BNPL so wirkmächtig macht, ist nicht nur das Versprechen, erst später zu zahlen – sondern die Art und Weise, wie dieses Versprechen unser Denken beeinflusst. Zentral ist dabei das Prinzip der sogenannten Pain of Paying – also der psychologische Schmerz beim Geldausgeben 1. Dieser Schmerz wird durch BNPL systematisch reduziert: Die Zahlung wird in kleine, überschaubare Raten aufgeteilt, die visuell und emotional viel weniger bedrohlich wirken als der Gesamtpreis. Der Effekt: Wir kaufen mehr, weil sich der Kauf günstiger anfühlt.2

Zugleich wird der sogenannte Present Bias – unsere Tendenz, unmittelbare Belohnung der langfristigen Rationalität vorzuziehen – gezielt ausgenutzt. Die Ware ist sofort verfügbar, die Rechnung kommt später. Was wie eine triviale Verschiebung klingt, ist in Wirklichkeit ein gezielter Eingriff in unsere kognitiven Routinen.

Auch der Ankereffekt spielt eine Rolle: Wird ein Produkt mit der Formulierung „4 × 25 €“ statt „100 €“ angeboten, wirkt der Preis deutlich günstiger – obwohl rational nichts gespart wird. Diese Effekte sind bekannt, gut dokumentiert und werden im Marketing nicht zufällig genutzt, sondern strategisch eingesetzt.

Wer nutzt BNPL – und warum?

Die Nutzer:innen von BNPL-Angeboten sind keineswegs homogen. Eine Studie der Federal Reserve Bank of Boston zeigt, dass BNPL besonders häufig von jüngeren Menschen, Frauen sowie Afroamerikanisch und lateinamerikanischen Haushalten genutzt wird. Diese Gruppen weisen häufig eine geringere finanzielle Resilienz auf 3 – sind also genau diejenigen, für die ein vermeintlich zinsfreier Kauf auf Raten besonders riskant werden kann.

Hinzu kommt: BNPL-Anbieter werben offensiv und emotional. Ihre Markeninszenierungen orientieren sich an Popkultur, Lifestyle und dem Versprechen von Kontrolle. Die einfache technische Integration – ein Klick im Checkout – wirkt harmlos. Aber genau darin liegt das Problem: Die Schwelle zur Verschuldung wird gesenkt, der Überblick über eigene Ausgaben kann verloren gehen. Viele Dienste führen keine Bonitätsprüfung durch, und Mahnungen oder Inkassoverfahren folgen oft schnell, wenn eine Rate ausbleibt.

Wirtschaftliche Dynamik und strukturelle Risiken

Auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene hat BNPL Konsequenzen. Klarna meldete Anfang 2025 einen Anstieg der Kreditausfälle um 17 % 4– ein Indikator für die wachsende Instabilität des Modells. Während die Dienste auf Wachstum ausgelegt sind, tragen die Risiken häufig die Verbraucher:innen.

Hinzu kommen regulatorische Spannungen: In den USA etwa wird BNPL bislang weitgehend unreguliert angeboten.5 In Großbritannien hingegen plant man strengere Auflagen – unter anderem verpflichtende Bonitätsprüfungen und ein erweitertes Verbraucherrecht. Auch in der EU wird über neue Regeln diskutiert, doch ein kohärenter Rahmen fehlt bislang.

Ein strukturelles Missverständnis

BNPL wird oft als technische Innovation behandelt – als neues Feature im Zahlungsverkehr. Tatsächlich handelt es sich aber um ein tiefgreifendes kulturelles Phänomen: Die Verschiebung des Konsums in die Zukunft wird zum Normalfall. In einer Gesellschaft, die ohnehin mit Unsicherheit, Prekarität und ökonomischem Druck zu kämpfen hat.

BNPL ist in diesem Sinne nicht nur ein Symptom, sondern ein Verstärker ökonomischer Unruhe.

Hinzu kommt die ambivalente Rolle des Marketings: Es verspricht „Empowerment“, Individualität und Kontrolle – während es gleichzeitig strukturelle Abhängigkeiten verschleiert. 6 7
Wer konsumiert, ohne zahlen zu müssen, fühlt sich frei – bis die Rechnung kommt.
Dann zeigt sich, wie hoch der Preis für diese Freiheit wirklich ist.

Wie man Schulden verkauft

Doch Klarna verdient nicht allein am Händlerprovisionsmodell oder an Mahngebühren – ein erheblicher Teil der Einnahmen basiert auf dem Weiterverkauf von Schulden.

Was viele nicht wissen: Die ausstehenden Forderungen – also die kleinen, scheinbar harmlosen Raten, die Millionen von Kund:innen schuldig sind – werden von BNPL-Anbietern wie Klarna gebündelt und als Finanzprodukte am Kapitalmarkt verkauft. Diese Praxis nennt sich securitization (Verbriefung).8

Dabei werden etwa 100.000 offene Zahlungen im Wert von beispielsweise 10 Millionen Euro zu einem sogenannten Asset-Backed Security (ABS) gebündelt – also einem kreditbesicherten Wertpapier. Dieses Wertpapier wird dann an Investoren verkauft. Die Käufer – etwa Pensionsfonds oder Investmentbanken – erhalten im Gegenzug Zinszahlungen, die durch die Rückzahlungen der Klarna-Nutzer:innen generiert werden.9

So verschiebt Klarna sein Risiko: Die Plattform bekommt sofort Liquidität, muss nicht auf die Rückzahlung der Raten warten und kann diese Mittel gleich wieder in neue Kredite investieren. Gleichzeitig lagert sie das Ausfallrisiko an Investoren aus.

Diese Praxis ist nicht neu. Sie erinnert stark an die Mechanismen, die zur globalen Finanzkrise 2008 führten, als massenhaft Hypothekenkredite gebündelt und verkauft wurden, ohne dass klar war, wie solide diese Forderungen tatsächlich waren. 10 Auch bei BNPL-Produkten ist die Qualität der Kredite oft schwer einzuschätzen – vor allem, weil es häufig keine klassische Bonitätsprüfung gibt. Zudem sind die Schuldner:innen meist konsumorientiert, jung und finanziell weniger abgesichert – also anfällig für Zahlungsausfälle.

Was als technologische Innovation gefeiert wird, ist damit auch ein finanzpolitisches Risiko: Konsumschulden werden anonymisiert, gebündelt und weitergereicht – mit kaum absehbaren Folgen, sollte es zu massenhaften Zahlungsausfällen kommen.

Was fehlt, ist eine informierte Öffentlichkeit, eine kritische Regulierung – und das Bewusstsein, dass Konsum auf Kredit nicht neutral ist, sondern Konsequenzen hat. Solange „später zahlen“ wie ein Geschenk klingt, wird „später zahlen müssen“ für viele zu einer schmerzhaften Realität.


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